Wer viel sammelt, kennt das Problem: Über Wochen und Monate häufen sich Artikel, Videos, Notizen zu einem Thema an. Sie liegen in deinem Second Brain; gut organisiert nach Tags und Kategorien. Aber irgendwann fragst du dich:
- Was habe ich da eigentlich alles?
- Und könnte ich daraus etwas machen?
Genau hier setzt dieser Artikel an. Ich zeige dir, wie Claude AI zum Kurator deiner Sammlung wird; nicht um deine Arbeit zu machen, sondern um Muster zu erkennen, die du nicht siehst. Aus chaotischen Inputs entsteht ein kohärenter Redaktionsplan. Aus einer Datenhalde wird Publishing-Struktur.
Die Pointe: Du musst dein System nicht neu aufbauen. Du bringst nur das zum Leben, was du ohnehin sammelst.
Der Moment, in dem die Fragmentierung klickte
Vor einigen Wochen saß ich vor einer klassischen Homo Creator Situation: einer Idee im Browser, einer Recherche auf YouTube, Notizen aus einem Gespräch und einer PDF-Datei, die ich noch lesen musste. Nicht Prokrastination; sondern Kontext-Fragmentierung. Mein Gedankenprozess war nicht faul, er war nur über mehrere Systeme verteilt.
Das Dilemma als reflektierter Praktiker: Ich gestalte gerne meine Werkzeuge, aber ich will nicht mehr Zeit mit der Verwaltung dieser Werkzeuge verbringen als mit der eigentlichen Arbeit.
Die Lösung liegt nicht in neuer Technologie, sondern in einer intelligenten Verbindung bestehender Systeme. In meinem Fall: Notion als Second Brain + Claude AI als Thinking Partner.
Warum Notion + Claude AI für den Homo Creator?
Das Kernproblem: Externe Intelligenz ohne Kontext
Die meisten KI-Tools arbeiten isoliert:
- ChatGPT/Claude verstehen nicht, was in deinem Notion-System passiert
- Notion ist ein fantastischer Speicher, aber kein denkender Partner
- Du fragst ChatGPT etwas, bekommst eine Antwort, musst das Ergebnis selbst in Notion eintragen
- Dein Workflow ist nicht integriert; es sind separate Inseln
Homo Creator Problem: Du brauchst ein System, das:
- deine Gedanken speichert (Notion)
- sie intelligent verarbeitet (Claude AI)
- die Ergebnisse wieder in dein System zurückführt (manuelle Integration, aber mit Struktur)
- dir Zeit für Gestaltung lässt, nicht für Verwaltung
Warum dieses Duo funktioniert
Notion ist dein strukturiertes Gedächtnis: Basierend auf der Second Brain Philosophie von Tiago Forte, habe ich bereits ein 3-Ebenen System aufgebaut, das ich in mehreren Beiträgen dokumentiert habe.
- Ebene 1 (Input): Alle Informationen, die ich sammle
- Ebene 2 (Processing): Transformation in konkrete Aufgaben und Notizen
- Ebene 3 (Output): Verdichtete, nutzbare Information
Claude AI ist dein intelligenter Co-Denker: Claude versteht Kontext, kann komplexe Gedanken zerlegen und dir helfen, chaotische Inputs in strukturierte Outputs zu verwandeln, ohne dabei dein System zu verstehen.
Die Verbindung ist das Geheimnis: Claude macht die strukturelle kognitive Arbeit (Strukturierung, Zerlegung, Denken), während du dich auf die kreative Arbeit konzentrierst (Entscheidung, Gestaltung, Anwendung).
Die bestehende Second Brain Struktur
Ich habe bereits ausführlich beschrieben, wie mein Notion-System aufgebaut ist:
Ebene 1: Input
- "Input Notes" für Web-Inhalte (Artikel, Videos, Links) mit automatischem Web-Scraping
- "Bücher DB" für Lesestoff und Notizen
- Vollständige Details: Ebene 1 - Input / Second Brain Ansatz
Ebene 2: Processing
- "Aufgaben/Tasks" Datenbank mit Kanban-Board
- Spalten: Backlog → To-Do → Doing → Follow Up → Done → Archive
- Vollständige Details: Ebene 2 - Planung und Weiterverarbeitung
Ebene 3: Output
- Verdichtete Wissensspeicher, sortiert nach Fokusfeldern
- Reife Informationen für direkte Anwendung
An dieser Stelle möchte ich nicht die Struktur neu erklären, sondern zeigen, wo und wie Claude AI sinnvoll eingreift.
Claude AI im Second Brain System
Wo Claude seinen Platz hat
Claude wird nicht zum Ersetzen von Notion, sondern zum Kurator deines Second Brains.
Die wahre Stärke liegt nicht in der Transformation einzelner Inputs, sondern darin, dass Claude dir hilft, Muster zu erkennen, Überschneidungen zu finden und daraus Struktur zu machen.
Der zentrale Use Case: Content Curation & Redaktionsplanung
Situation: Du hast über Wochen oder Monate Artikel, Videos, Notizen zu einem Themenfeld gesammelt; sagen wir "KI & Produktivität". Sie liegen in verschiedenen "Input Notes" Einträgen, mit Tags, aber ohne echte Struktur. Irgendwann fragst du dich: "Was habe ich da eigentlich alles gesammelt? Und könnte ich daraus eine Blog-Serie machen?"
Genau hier kommt Claude als Kurator ins Spiel.
Anweisung an Claude:
Ich habe folgende Einträge in meinem Second Brain zu "KI & Produktivität" gesammelt:
- Connecting to Notion MCP - Notion Docs
Fokus: Notion + Claude Integration
Meine Notiz: "ChatGPT vs Claude für Produktivität" - 12 Prompting Techniken für bessere Ergebnisse in der Arbeit mit LLMs
Fokus: Prompt Engineering
Meine Notiz: "Praktische Prompting-Techniken" - Organisiere dein digitales Leben mit der PARA-Methode
Fokus: Arbeitsweise mit dem Second Brain
Meine Notiz: "PARA Methode erklärt"
ggf. Ergänzung weitere 10-15 Einträge
Aufgabe oder Prompt an Claude:
- Fasse zusammen, was ich [in Kategorie X] gesammelt habe.
- Welche Themen-Überschneidungen siehst du?
- Könnten diese Einträge eine Blog-Serie bilden?
- Wie würde ein Redaktionsplan aussehen?
- Wie verknüpfe ich die einzelnen Beiträge sinnvoll?
Claude antwortet als Kurator:
Deine Sammlung lässt sich in 3 zusammenhängende Serien strukturieren:
- SERIE 1: Grundlagen (3 Artikel)
- "Second Brain verstehen: Die Architektur"
- Quelle: Artikel C + Video B (Intro-Teil)
- Verknüpfung: Erklärt die Theorie, auf die Serie 2 aufbaut
- "Notion für dein Second Brain: Praktische Struktur"
- Quellen: Artikel A + Video xyz
- Verknüpfung: Zeigt die Umsetzung der Architektur
- "Prompt Engineering: Denken mit Claude"
- Quellen: Video B + Artikel xyz
- Verknüpfung: Wie KI in diese Struktur passt
- SERIE 2: Integration (2-3 Artikel)
- "Claude als Kurator: Von Chaos zum Redaktionsplan"
- "Content-Planung: Wie deine Sammlung zur Serie wird"
Daraus kann folgender Redaktionsplan abgeleitet werden:
- Woche 1-2: Serie 1, Artikel 1 (Grundlagen)
- Woche 3-4: Serie 1, Artikel 2 (Notion Struktur)
- Woche 5: Serie 1, Artikel 3 (Claude Integration)
- Woche 6-7: Serie 2 (Curation & Planning)
Praktische Integration: Der Workflow
Das Kurations-Modell passt perfekt in dein Second Brain, weil es in den natürlichen Rhythmus deiner Arbeit eingreift:
Im Alltag (kontinuierlich)
- Du sammelst Inputs wie gewohnt in Notion Ebene 1
- Tags, Notizen, Links (alles wie immer)
Wöchentlich oder monatlich (30 Minuten)
- Öffne Notion → "Input Notes" Datenbank
- Filtere nach einer Kategorie/Tag (z.B. "KI & Produktivität")
- Copy-paste die gefilterten Einträge zu Claude mit der Anfrage zur Kuration (siehe Use Case oben)
- Claude liefert dir einen Redaktionsplan
- Du entscheidest: Passt diese Struktur? Welche Artikel schreibe ich zuerst?
- Los geht's mit dem Schreiben
Das Schöne daran:
- Deine Sammlung wird nicht zur toten Datenhalde
- Du brauchst nicht zu entscheiden, "was damit anfangen?" - Claude hilft dir
- Aus chaotischen Inputs entsteht ein kohärenter Redaktionsplan
- Jeder Artikel hat die komplette Quellenlandschaft dahinter
Custom Instructions für Claude (als Kurator)
Wenn du Claude als Kurator deines Second Brains nutzen möchtest, braucht Claude präzise Anweisungen.
Bei sich wiederholenden und gleichartigen Aufgaben, lohnt es sich, Zeit in ein Grundgerüst zu investieren und die verschiedenen Aspekte der Aufgabe näher zu beschreiben. Hier angedeutet mit verschiednen MD (Markdown-Dateien), die alle eine spezifischen Aspekt der Aufgabe abbilden (Format.md, Einschränkung.md, Stil.md). Ein Artikel zu der Struktur dieser Dateien folgt ggf. noch, da sich diese noch in der stetigen Entwicklung befindet.
Diese können in einer zentralen CLAUDE.md verlinkt werden. Außerdem empfiehlt sich die Nutzung einer MEMORY.md-Datei, in der anhand der konkreten Beispiele stetig gelernt wird.
Claude ist der Kurator des Second Brain Systems.
Das System:
- Ich sammle Inputs (Artikel, Videos, Notizen) in Notion Ebene 1
- Ich tagge diese nach Kategorien/Fokusfeldern
- Ich brauche Hilfe, diese Sammlung in kohärente Blog-Serien zu verwandeln
Meine Aufgabe an Claude:
Ich gebe dir eine Liste von gesammelten Inputs zu einem Thema:
- Zusammenfassen: Was habe ich über dieses Thema eigentlich gesammelt?
- Überschneidungen finden: Welche Artikel/Videos passen zusammen?
- Narrative erkennen: Könnte ich daraus eine Serie machen? In welcher Reihenfolge?
- Redaktionsplan erstellen:
- Wie viele Artikel würde ich schreiben?
- Was wäre die Reihenfolge?
- Wie verknüpfe ich sie logisch?
- Quellenlandschaft zeigen: Welche Inputs gehören zu welchem Artikel?
Output Format / Format.md:
- Klare Serien-Struktur
- Titel des Beitrages (können wir noch ändern)
- Reihenfolge mit Begründung
- Verlinkung zwischen Artikeln
- Welche Quellen ich für jeden Artikel nutze
Einschränkungen / Einschränkung.md:
- Kurz und präzise
- Fokus auf Struktur, nicht auf Schreib-Tipps
- Gib mir Optionen, aber sag nicht "Schreib jetzt Artikel XYZ"
Schreibstil / Stil.md:
- Konkrete Beispiele statt Theorie
- Nummeriert/strukturiert
- Max 300-400 Wörter pro Antwort
Warum das funktioniert
Für mich als Homo Creator funktioniert das, weil ich Technologie produktiver nutze.
Claude agiert dabei als Kurator, weil:
- Claude sieht Muster, die du nicht siehst: Wenn du 50 Inputs zu einem Thema gesammelt hast, verlierst du die Übersicht. Claude schaut drauf und sieht sofort: "Das sind eigentlich 3 zusammenhängende Serien."
- Du brauchst nicht zu spekulieren: Statt dich zu fragen "Sollte ich da einen Artikel schreiben?", hast du einen konkreten Redaktionsplan.
- Deine Sammlung wird lebendige Arbeit: Das Second Brain ist nicht mehr nur eine Datenhalde, in die du Zeug reinwirfst. Es wird zur Quelle deiner nächsten Beiträge.
- Du behältst die volle Kontrolle: Claude gibt Struktur-Vorschläge. Du entscheidest: Passt das? Änderst du es ab? Schreibst du diese Serie überhaupt?
Der subtile Effekt
Das beste an diesem Setup: Du externalisierst die Organisationsarbeit, nicht die Entscheidung.
Dein Gehirn konzentriert sich auf das, das wirklich zählt:
- Welche Struktur passt zu meinen Lesern?
- In welcher Reihenfolge erzähle ich die beste Geschichte?
- Welche Verknüpfungen schreibe ich noch hin?
Fazit
Die derzeit verfügbare KI lässt sich sehr gut nutzen, um verschiedene Wissensdatensätze und Informationsquellen zu vernetzen und zu kuratieren. Sie erweckt bestehende Sammlungen zum Leben und schafft einen konkreten Kontext, den wir selbst häufig nur intutiv wahrnehmen.
Die KI hat die Kapazität genau nach diesen Themen und Inhalten zu suchen, für die wir im Alltag keine Zeit haben, um sie uns zu einem gewünschten Zeitpunkt zu präsentieren, an dem wir uns damit beschäftigen wollen.
Der Vorteil bei einem selbstständigen KI-System, es können unabhängig vom Betreiber weitere Informationsquellen verknüpft werden; du bist nicht auf den Notion-KI-Assistenten beschränkt.
Foto von Matúš Gocman auf Unsplash