Irgendwann habe ich nachgezählt: 1.638 Input-Notizen standen nur 36 tatsächlich verarbeiteten Notizen gegenüber – weniger als drei Prozent. Das Sammeln hatte in meinem Second Brain längst funktioniert, das Verarbeiten nicht. Die eigentliche Frage war dabei gar nicht technischer Natur: Wer oder was sollte diesen Rückstau abarbeiten, und mit welchen Rechten sollte dabei gearbeitet werden dürfen?
Ein Rückstau, der eine Struktur brauchte
Eine einzelne, allzuständige KI-Rolle für alles – Sichten, Entscheiden, Schreiben, Veröffentlichen – schien mir keine gute Idee. Zu viel Verantwortung an einer Stelle, zu wenig Möglichkeit, im Alltag noch nachzuvollziehen, was gerade automatisch passiert und was nicht. Also stand am Anfang keine technische Frage, sondern eine organisatorische: Welche Teilaufgaben lassen sich sauber trennen, und welche Rechte braucht jede dieser Teilaufgaben tatsächlich – nicht mehr, aber auch nicht weniger?
Vier Rollen statt einer allzuständigen KI
Entstanden ist ein Vier-Rollen-Modell, jede mit klar unterschiedlichem Zugriff:
- Agent Second-Brain-Bibliothekar [agt_bib] – arbeitet auf der Input-Ebene, sichtet und clustert die rohen Notizen. Nur Leserechte auf die Quellen; einziger erlaubter Schreib-Output ist ein eigenes Übergabe-Artefakt mit Vorschlägen, keine direkte Veränderung an den Notizen selbst.
- Agent Cowork [agt_cw] – der eigentliche Default-Modus meiner interaktiven Arbeit mit Claude: Tasks bearbeiten, Dokumentation pflegen, neue Aufgaben definieren. Hier gibt es echtes Schreibrecht, weil ich im selben Arbeitsschritt mitentscheide – anders als bei den unbeaufsichtigt laufenden Rollen. Der Prozess-Agent challenged die Übergabe-Artefakte und erzeugt nach Absprache daraus Aufgaben oder detaillierte, umfangreichere Notizen.
- Agent Redakteur [agt_red] – übernimmt die Content-Erstellung von Aufgaben im Bereich Blogbeitrags, aber ohne Themenhoheit, erst nach Übergabe: Welches Thema überhaupt zum Blogbeitrag wird, entscheidet nicht diese Rolle. Schreibrecht nur im Entwurfsordner, kein Publish-Recht.
- Agent Live-Coach [agt_lc] – bisher nur perspektivisch gedacht, für Quartals- und Jahresreviews im direkten Dialog statt ereignisgetriggert wie die anderen drei Rollen.
Wo es zu klemmen begann
Zwei Punkte ließen sich nicht am Reißbrett klären. Der Agent Cowork blieb zunächst ein reiner Platzhalter – die eigentliche Frage war, ob das überhaupt eine eigene Rolle mit eigenem Profil ist, oder einfach die Bezeichnung für meine ganz normale, bereits gelebte Zusammenarbeit mit Claude. Und beim Agent Redakteur stand die Frage im Raum, ob ein erfülltes Abnahmekriterium (eigener Skill, erfolgreicher Testlauf) automatisch zur Freigabe führen sollte, oder ob es dafür immer noch eine explizite Entscheidung von mir braucht.
Vom Prinzip zur Regel
Beide Fragen und einige weitere haben sich erst über 17 Protokoll-Runden in zwei separaten Sitzungen wirklich geschärft – nicht an einem Nachmittag entschieden, sondern schrittweise durchdacht. Am Ende standen konkrete, eindeutig anwendbare Regeln statt vager Prinzipien:
- Der Agent Cowork bearbeitet Dateien standardmäßig direkt, mit genau einer Ausnahme: Datei-Umbenennungen bleiben bei mir. Grund ist rein technisch – nur Obsidians eigener Umbenennen-Befehl aktualisiert Wikilinks vault-weit zuverlässig, ein externes Skript würde tote Links hinterlassen.
- Beim Agent Redakteur gibt es keine automatische Freigabe, selbst wenn alle Abnahmekriterien formal erfüllt sind. Es braucht immer eine konkrete, positiv zu beantwortende Freigabefrage an mich – eine bewusste Erweiterung des Grundprinzips "Automatisierung schlägt vor, ich entscheide": auch bei erfüllten Kriterien keine stille Statusänderung.
Ergebnis
Alle vier Rollen sind inzwischen als Entwürfe dokumentiert. Drei davon habe ich bereits in der Praxis getestet, mit durchaus unterschiedlichen Ergebnissen – davon handelt der nächste Teil dieser Serie.
Ausblick
Ein Rollenmodell auf dem Papier ist die eine Sache, ein echter Testlauf mit echten Daten eine andere. Wie der Agent Second-Brain-Bibliothekar zum ersten Mal auf 100 echte Input-Notizen losgelassen wurde und was dabei tatsächlich herauskam, zeigt der nächste Beitrag.